Eine Reise in die Vergangenheit

 

Realschüler besuchen Gedenkstätte in Hadamar


Eine Reise in die stets zu vergegenwärtigende Vergangenheit machten die Schüler aller vier 10er Klassen der Bertha-von-Suttner-Realschule plus aus Betzdorf. Vorbereitet waren die Schüler durch Informationen im Geschichts- und Religionsunterricht, sodass die Hintergründe der nationalsozialistischen Zeit und ihre Verbrechen bekannt waren.

Erlebbar und hautnah spürbar waren die Verbrechen der Nazis in der Gedenkstätte in Hadamar. Die psychiatrische  Klink wurde in der Nazizeit zu einer Tötungsanstalt umfunktioniert. In Deutschland gab es insgesamt 6 Tötungsanstalten, in denen das „Euthanasieprogramm“ der Nationalsozialisten in Form von Tötung von ca. 70000 Menschen durchgeführt wurde. In Hadamar selbst starben in der ersten Tötungswelle 10122 Menschen; Menschen, die in irgendeiner Form beeinträchtigt oder behindert waren, oder Menschen, die einfach nicht ins „nationalsozialistische Weltbild“ passten.
„Wen wir uns mit den Menschen befassen, die ermordet wurden, können wir Ihnen ein Stück Ansehen zurückgeben“, so Frau Birkenfeld, die die Schüler mit Feingefühl und fachlicher Kompetenz führte. Frau Birkenfeld ließ die  Schüler den Weg der Opfer gehen. Von der Garage, in der täglich bis zu 80 Menschen ausgeladen und durch einen Verschlag in das Haus geführt wurden. Die Opfer, die glaubten, sie wären umquartiert worden, wurden registriert und einer gesundheitlichen Untersuchung unterzogen. Diese Untersuchung war eine Farce, denn der Arzt notierte nur eine mögliche Todesursache für die Menschen und bestimmte mit einem Zeichen auf dem nackten Rücken, welche Person nicht umgehend verbrannt, sondern seziert werden sollte. Organe von in Hadamar getöteten Menschen wurden bis in die neunziger Jahre in deutschen Universitäten verwendet. Vom Untersuchungszimmer ging es für die Schüler in den Keller. Dort befanden sich die Duschen, aus denen kein Wasser, sondern Kohlenmonoxyd strömte. Qualvoll starben die Menschen im dem 14 qm großen Raum. Durch eine Glasscheibe konnte der Arzt genau sehen, wann auch der letzte erstickt war. Die meisten Opfer wurden umgehend in den zwei Krematorien verbrannt. Schwarz Rauch lag damals tagelang über dem verschlafenen Westerwaldstädtchen. Bedrückend war der Blick auf den Seziertisch, beklemmend der Weg zu den Öfen. Die Schüler verstummten, wurden ganz  ruhig, um das Unfassbare an menschlicher Grausamkeit nachvollziehen zu können.
Nach der ersten Tötungsphase wurden in einer weiteren ca. 4000 Menschen in Hadamar ermodert. Manche wurde mit einer Überdosis an Medikamenten, manche durch eine Spritze getötet, andere ließ man einfach verhungern.
Nach dem Besuch der Ausstellung gingen die Schüler den Weg zum Friedhof der Anstalt, auf dem die 4000 Menschen in Schachtgräben mit bis zu 80 Leichen begraben liegen. Die einzelnen Gräber wurden eingeebnet, nur ein Kinderfriedhof mit 11 Grabsteinen und Gedenksteine, symbolisch für die großen Religionen, und ein großes Mahnmal findet man  auf dem parkähnlichen Gelände.
Auch hier beklemmende Ruhe, tiefe Trauer über das, was Menschen Menschen angetan haben.
„Warum hat Hadamar, warum haben die Menschen geschwiegen“ – das ist die Frage, die auch heute an Brisanz nichts verloren hat. „ Aufschreien, anfragen, Kritik üben – dies all waren keine Bürgertugenden in einer Zeit, die von nationaler Euphorie und Begeisterung geprägt war“, so  Frau Birkenfeld. Eine einfache Frau hatte offen in Hadamar über die Tötungsanstalt gesprochen, sie verschwand für Monate in einem KZ. Nach ihrem Aufenthalt dort ist sie verstummt.
Die Schüler waren berührt von der Reise in die Vergangenheit, die auch immer eine Reise in die Gegenwart bedeutet, denn auch heute werden in der Welt Menschen wegen ihrer Rasse, ihrer Religion oder ihrer politischen Gesinnung verfolgt, misshandelt und getötet. Auch heute werden Beeinträchtigte ausgegrenzt. „Wir müssen lernen verantwortlich mit unserer Vergangenheit umzugehen, damit wir die Gegenwart und die Zukunft im Geist der Liebe und Verantwortung für alle Menschen gestalten“, so der begleitende Religionslehrer Peter Meinung.
„Im Unterricht hört man Zahlen, bekommt man Informationen und Hintergründe, aber hier vor Ort werden Zahlen zu menschlichen Schicksalen; das ist einprägender als normaler Unterricht“, so Sebastian Kolleß , Schüler der 10b.